Tafel

Extensives Entscheiden

Zur Rationalisierung der Rezeption von Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs

Mohr Siebeck

ISBN 978-3-16-200561-8

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Bibliografische Daten

Fachbuch

Buch. Hardcover

2026

Umfang: 300 S.

Format (B x L): 15,5 x 23,2 cm

Verlag: Mohr Siebeck

ISBN: 978-3-16-200561-8

Produktbeschreibung

Verfassungsgerichte rufen wiederkehrend den Vorwurf hervor, mit einzelnen Entscheidungen ihre Kompetenz zu überschreiten und in die Sphäre der Politik überzugreifen. Unter dem Begriff der Kompetenzkritik erfasst Jonas Tafel diesen Vorwurf als spezifisch rechtliche Kritik, die jedoch keine konstruktive rechtliche Verarbeitung erlaubt. Er entwickelt daher ein Modell extensiven Entscheidens, um vermeintlich kompetenzüberschreitender Entscheidungen konstruktiv aufnehmen zu können. Für ihn impliziert Kompetenzkritik, dass Rechtsprechung und Gesetzgebung theoretisch abgrenzbar sind und die Möglichkeit besteht, eine Grenzüberschreitung im Einzelfall auch praktisch feststellen zu können. Der Grundsatz der Gewaltenteilung bietet hierfür jedoch keinen hinreichend trennscharfen Rechtsmaßstab und müsste gegenüber Kompetenzkritik zu rechtlicher Sprachlosigkeit führen. Dennoch ist die intuitive Verschiedenheit von Rechtsprechung und Gesetzgebung Ausgangspunkt lebhafter Debatten in der Rechtswissenschaft um die politischen Intentionen verfassungsgerichtlicher Entscheidungen. Diese Auseinandersetzung, in der das verfassungsgerichtliche Selbstbild des apolitischen Akteurs auf widerstreitende Fremdbilder trifft, erweist sich als Ausdruck des Ringens um die Authentizität verfassungsgerichtlichen Entscheidens. Vor diesem Hintergrund lässt sich Kompetenzkritik unter dem Gesichtspunkt des verfassungsgerichtlichen Strebens nach Akzeptanz rechtlich aufgreifen. Das Modell extensiven Entscheidens erfasst dazu in vier Dimensionen, wie verfassungsgerichtliche Entscheidungen in strukturelle Konkurrenz zum Gestaltungsanspruch des Gesetzgebers treten. Anhand beispielhafter Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs zeigt Jonas Tafel wie der binär formulierten Kompetenzkritik mit einer Kontextualisierung ihres Gegenstandes begegnet werden kann. Der Maßstab der Extensivität erlaubt eine konstruktive Kritik der Verschiebung von Gestaltungsmacht im Verhältnis von Rechtsprechung und Gesetzgebung und führt zu einer rationalen Rezeption von Verfassungsrechtsprechung, die Akzeptanzpotentiale aufzeigt und die fragile Autorität von Verfassungsgerichten achtet.
Constitutional courts repeatedly face the accusation that, through certain decisions, they exceed their competences and encroach upon the sphere of politics. Under the notion of "competence critique," Jonas Tafel captures this accusation as a specifically legal form of criticism which, however, does not allow for constructive treatment within the law. He therefore develops a model of extensive adjudication as a proposal for a constructive reception of decisions that are alleged to overstep judicial competences. Competence critique implies that adjudication and legislation can be distinguished in theory and that, in individual cases, a transgression of the boundary can be identified in practice. Yet the principle of separation of powers does not provide a sufficiently clear legal standard for this purpose and would ultimately lead to a state of legal inarticulacy in the face of such critique. Nevertheless, the intuitive distinction between adjudication and legislation forms the starting point for lively debates in legal scholarship concerning the political intentions of constitutional court decisions. In these debates, the constitutional court's self-image as an apolitical actor encounters competing external perceptions and thus appears as an expression of the struggle for the authenticity of constitutional adjudication. Against this background, competence critique can be taken up in legal terms from the perspective of the constitutional court's striving for acceptance. The model of extensive adjudication captures, in four dimensions, how constitutional court decisions enter into structural competition with the legislature's claim to shape the law. Drawing on selected decisions of the Court of Justice of the European Union, the author demonstrates how the binary formulation of competence critique can be addressed by contextualizing its subject matter. The standard of extensiveness allows for a constructive critique of shifts in the distribution of lawmaking power between adjudication and legislation and leads to a rational reception of constitutional case law-one that highlights its potential for acceptance while respecting the fragile authority of constitutional courts.

Autorinnen und Autoren

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Hersteller

Jana Trispel

Wilhelmstraße, 18
72074 Tübingen, DE

trispel@mohrsiebeck.com

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